Der Fotograf und das Gewöhnliche


Ich bin Fotograf

Meine Fotografien zeigen die Qualität meines Kontaktes zu meiner Umgebung. Und meine Fotografien zeigen, wie Menschen auf diese Qualität reagieren. Unter Kontakt verstehe ich hier mein sensorisches Empfinden. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, meinen Tastsinn. Unter Umgebung verstehe ich die Lebewesen, die Objekte und den Raum. Unter Raum verstehe ich die Abwesenheit von Lebewesen und Objekten.

 

Sensorische Erfahrung ist wichtiger ist als theoretische Konzepte

In letzter Zeit fällt mir immer öfter auf, dass ich viel darüber nachdenke, wie ich ein schönes Foto machen könnte. Ich stelle mir das Foto vor und denke darüber nach. Bilder, Kompositionen und Worte wiederholen sich und fahren Achterbahn in meinen Kopf. In diesem Zustand erhält meine Umgebung wenig Beachtung von mir. Ich finde das immer merkwürdiger, denn es ist ja diese Umgebung, die ich eigentlich fotografieren möchte. Anders gesagt, weil ich darüber nachdenke, wie ich schönere Fotografien machen könnte, sehe ich nicht, dass die Welt ein interessanter Ort voller möglicher interessanter Fotografien ist. Dazu braucht es erstmal auch keine Kamera, sondern Augen, Ohren, Nase und einen fühlenden Körper. 

 

Ein Experiment

Ich habe Zeit, so fange ich an. Erstmal nichts machen. Einfachheit. Stehe in meiner Küche und schaue mich um. Derselbe Raum wie immer, ich kenne ihn, bin hier oft. Meine gewohnte Umgebung. Banal. Eine Fläche, auf der ich stehe und eine, zwei, drei, vier Flächen, die mich umgeben und eine über mir. Flächen, die mich schützen und mir ein Zuhause geben. Ich habe Zeit ... gehe auf meinen Balkon und höre Kinder, die Fußball spielen und mein Kühlschrank summt. Ich habe Zeit ... eine Sirene in der Ferne. Ich höre es und dann sehe ich meine Tür und ich sage hallo zu ihr. Mit hallo sagen meine ich tatsächlich, hallo zu einem Objekt zu sagen, so wie zu einer Person, die ich treffe. Das ist mein Experiment, mir Zeit dafür zu nehmen, den Kontakt zu meiner gewohnten Umgebung zu kultivieren. Zu sehen, ob sich dadurch etwas verändert und ich Lust bekomme, zu fotografieren, was mich umgibt.

 

Fotografieren ohne Kamera

Also ... ich habe Zeit und schaue mich um. Ich sehe meinen Herd und sage ihm hallo. Das ist wie fotografieren ohne Kamera, fällt mir auf, das macht Spaß. Und weil es so Spaß macht, fotografiere ich weiter ... hallo Topf, hallo Topfdeckel, hallo Wasserkocher mit der schönen Metalloberfläche, in der sich die Sonne golden spiegelt, hallo weiße Porzellankanne, die so formal und unbeteiligt ausschaut. Hallo Spüle mit Geschirr, welche wie ein kosmischer Schrottplatz wirkt, hallo Mülleimer mit gelbem Müllsack, der sich wie ein Wirbelsturm um sich selbst dreht, hallo Kamera, die ungeduldig auf der Lauer liegt auf meinem Küchentisch, der sie so zart mit Würde trägt und ...

 

Ich habe Zeit

Da sind noch so viele Sachen, denen ich hallo sagen könnte und die Welt ist eine visuelle Poesie aus Farben und Formen, im Rhythmus eines kosmischen Atems. Das fühle ich, wenn ich mir Zeit gebe, im Kontakt zu sein mit der Welt. Wenn ich mir Zeit gebe, „zu Sinnen zu kommen". Ein einfacher Moment von Kontakt, für einen Moment die Person in der Schlange vor mir wahrnehmen, für einen Moment das Messer, das ich abtrockne, wahrnehmen mit einem simplen bloß gedachten oder ausgesprochenen hallo. Einfache Objekte offenbaren dann gerne mehr von ihrer Natur und freuen sich über die Beachtung. Ich freue mich auch über Beachtung und komme dafür auch mal gerne aus meinem Schneckenhaus heraus. :)

 

Die Welt ist Schön 

Wenn der Fotograf die Schönheit im alltäglichen Banalen wahrnehmen kann, bekommt er das besondere Foto, das er oft so verbissen sucht oder konstruieren möchte, geschenkt. Das Besondere ist eine Idee, alles ist interessant. Die Welt ist interessant, wenn der Blick auf sie interessiert ist. Im Kontakt mit der eigenen kindlichen Neugier sein, mutig spielen mit der eigenen Wahrnehmung, das wirkt Wunder, um Fotografien zu entdecken. Und dann offenbaren sich mir, einfach mal so, wenn ich es nicht erwarte, ein paar Blätter, so wie sie wirklich sind ... als ein wunderschöner Teil dieser Welt.

Denn die Schönheit liegt im Auge des Fotografens. ;)